Tecks Spielwiese

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2012/2013

Saisonchroniken > 2010er Jahre
 

Ein Mann hält Wort

 
 

Ostern 2012: Die Saison war leider erneut viel zu früh beendet und alles was folgte waren zunächst nur Negativschlagzeilen. Leistungsträger wie Markus Keller, Lanny Gare, Dylan Stanley, Tobi Schwab und Kevin Lavallee verließen peu à peu die Roten Teufel und auch Trainer Fred Carroll hatte nach dem vierten erfolglosen Zweitliga-Anlauf seinen Vertrag nicht mehr verlängert. Lange Gesichter allenthalben! Und Neuzugänge? – Erst einmal Fehlanzeige… Umso euphorischer fiel der Jubel aus als dann der neue Trainer bekannt wurde: Frank Carnevale, der geschasste Messias der Saison 1998/99, sollte ab sofort die Teamzusammenstellung verantworten und ab Herbst das Coaching übernehmen. WOW – diese Meldung saß!

 
 

Überall im Lager der Wetterauer Eishockey-Gemeinde schoss der Puls in die Höhe. „Ich komme, um das letzte Spiel der Saison zu gewinnen. Wenn Bad Nauheim Erfolg haben will, dann spricht nichts gegen meine Verpflichtung.“ Carnevales erstes Statement fiel sehr selbstbewusste aus. Genau so, hatte man den Tausendsassa in Erinnerung! Wenn dieser Mann gut 13 Jahre nach seiner Demission nun davon sprach mit der Meisterschaft noch einen Auftrag in Bad Nauheim erfüllen zu müssen, dann glaubte man ihm das sofort. Im neuen Fan-Forum (ab dieser Saison unter Federführung des Teufelskreises) schäumten die Wogen der Begeisterung über. Jeder war davon überzeugt, dass ein Frank Carnevale genau der richtige Mann für diesen Job sei und mittels seiner Connections wohl auch die entsprechenden Spieler in die Badestadt lotsen werde.
Ab sofort – so die Hoffnungen – sollte es interessant werden. Mit Franz, Kujala, Baum, Baldys, Maaßen, Pöpel, Wex und May verlängerten einige Spieler ihre Verträge und zwei Neue kamen mit guten Referenzen aus der zweiten Liga. Besonders die Verpflichtung von Thomas Ower (Hannover Indians) schürte die Hoffnung, einen gleichwertigen Ersatz für Ausnahme-Goalie Keller gefunden zu haben. Eislöwe Patrick Strauch aus Dresden war der 2. Neuzugang. Auch die folgenden Wochen sollten für ständigen Zuwachs sorgen. Aus Crimmitschau kehrte Jan-Niklas Pietsch zu seinem Heimatverein zurück, dazu kamen Angreifer Daniel Oppolzer (Bietigheim), Harry Lange (Dresden) und Konstantin Firsanov (Ratingen).
Inzwischen war es Mitte August. Der neue Coach hatte den Teufelskader fast ausnahmslos anhand von Videomaterial und Empfehlungen direkt aus seiner Heimatstadt Toronto zusammengestellt. Allesamt Spieler mit deutschem Pass, denn die beiden Kontingentstellen wollte man laut Carnevale und Geschäftsleitung erst dann besetzten, wenn der restliche Kader stand und man sehen würde, wo der Schuh noch drücke. Keine schlechte Philosophie, aber dennoch wurden nicht wenige langsam ungeduldig.
Bevor Carnevale Ende August auch persönlich in Bad Nauheim erschien, sorgte er noch einmal aus der Ferne für Aufsehen: Chris Stanley, Topscorer der zweiten Liga kam als erster Kontingentspieler aus Bremerhaven und Deutsch-Kanadier Mike Schreiber (Bietigheim) komplettiert die Teufelsabwehr.

 
 

Das waren doch mal Hausnummern! Wenn auch die Mannschaft ziemlich runderneuert daher kam, so durfte man getrost hoffen, dass die Qualität nicht schlechter geworden war. Noch dazu, weil mit Eddy Rinke-Leitrans (Timmendorf) und Sven Schlicht (Bremerhaven) zwei weitere Spieler zum Probetraining geladen wurden und ein Kooperationsvertrag mit Mannheim die Bereitstellung von sieben(!) Förderlizenzspielern vorsah.
Trotz dieser recht positiven Entwicklung, hatte der Frühsommer aber auch einen kleinen Schönheitsfehler. Anfang Juni kam etwas Sand ins Räderwerk der EC-Führungscrew. Wolfgang Kurz, seit sechs Jahren Alleingesellschafter der Roten Teufel, zog sich laut WZ aus dem operativen Geschäft zurück und wollte in Zukunft kürzer treten; so jedenfalls die Meldung am 8. Juni 2012 in der Lokalpresse. Hinter vorgehaltener Hand hörte man aber anderes: Er und Geschäftsführer Andreas Ortwein seien über Kreuz und könnten, laut inoffizieller Variante aus der Gerüchteküche, nicht mehr miteinander. Da Ortwein aber umgehend dementierte und meinte, dass zwar hier und da punktuell andere Auffassungen vorlägen, gegensätzliche Meinungen sich aber immer befruchteten, wurde diesem kurzen Intermezzo keine größere Aufmerksamkeit geschenkt.
Im sportlichen Bereich ging es nun endlich in die aktive Vorbereitung. Wundersames mussten die EC-Fans im neuen Oberliga-Sonderheft der Eishockey News lesen: die Fachleute zählten den EC nicht mehr zur ersten Garde der Liga! Kassel und Frankfurt waren ganz klar die beiden Topfavoriten. Bad Nauheim und Duisburg sah man lediglich in der Verfolgerrolle. Hm - klar, die beiden hessischen Ex-DEL-Clubs hatten mächtig aufgerüstet. Aber das mussten sie auch, denn tief saß der Schock vor Jahresfrist nicht ein einziges Derby gegen Bad Nauheim gewonnen zu haben. In Frankfurt veranlasste der neue Coach Frank Gentges dank einer prallgefüllte Schatulle den Großteil seiner alten Dortmunder Meistermannschaft zum Wechsel an den Main, versäumte es aber auch Torhüter Finkenrath gleich mit zu verpflichten. Diesen holte sich Kassel und löste somit sein letztjähriges Torwartproblem. Zweitligaspieler ergänzten sowohl den Löwenkader als auch den der Schlittenhunde. Doch hatte man das in Bad Nauheim nicht auch getan? Wo also lag der große Unterschied, so fragte man sich hier angesichts der provokanten Experteneinschätzung. Außer, dass in Kassel und Frankfurt mehr Geld zur Verfügung stand, wollte man keine riesigen Unterschiede sehen. Und ganz davon abgesehen: auch in der Wetterau betrug der Saisonetat inzwischen gut eine Million Euro. Einhellig stimmte die Fachpresse aber auch drin überein, dass keiner im Westen den vier „Großen“ gefährlich werden könne. Drohte da Langeweile im Voraus?
Erst mal freute man sich in der Kurstadt auf den Saisonbeginn, denn der Spielplan lud gleich zum Auftakt zum großen Hessen-Derby gegen die Löwen ins CKS. Zuvor musste die Mannschaft aber wie schon so oft in die Fremde ausweichen, um überhaupt Eiszeiten zu bekommen. Limburg-Dietz hieß wieder das Ausweichquartier, nachdem ein erstes Trainingslager in Duisburg absolviert worden war. Alle Spiele, bis auf den Test gegen Zweitligist Heilbronn wurden ausnahmslos gewonnen. Darunter auch das Erstrunden-Pokalspiel gegen Süd-Oberligist EHC Klostersee. Selbst in Heilbronn hatten die Rot-Weißen bis zur 30. Minute sehr respektabel mitgehalten und sogar 2:1 geführt. Alles in allem ein verheißungsvoller Auftakt und das Wort vom „Bad Nauheim Hockey“ machte überall die Runde. Frank Carnevale hatte es geprägt und verstand darunter eine leidenschaftliche Spielweise mit körperbetontem, die Grenze des Erlaubten aber nicht überschreitenden, Hockey. Es sollte das Markenzeichen dieser Saison werden…
Eddy Rinke und auch Sven Schlicht hatten sich durch die Vorbereitungsspiele empfohlen. Gerade Rinke hatte so manches Highlight gesetzt und sich sogar einen Stammplatz in der ersten Reihe erspielt. Die Mannschaft war also komplett – oder besser: fast komplett, denn auf einen zweiten Kontingentspieler verzichtete man bewusst zu diesem Zeitpunkt. Zählte man die Junioren und FöLi-Spieler dazu, so waren nicht weniger als 22(!) Neuzugänge im Team zu finden. Eine stolze Anzahl neuer Cracks, die hier zu einer Einheit geformt werden mussten. Für diese nicht leichte Aufgabe hatte Carnevale gerade mal einen knappen Monat Zeit. Kein Wunder also, dass die Mannschaft nicht immer eingespielt wirkte.
„Sonntag, 30. September, 18:30 Uhr, Teufelszeit in Bad…“
Das Stadion präsentierte sich proppenvoll und ausverkauft, als Stadionsprecher Eberhardt die neue Oberligasaison anmoderierte und 4500 Kehlen mit einem euphorischen „…NAU-HEIM!“ antworteten. Es wurde ein gelungenes Auftaktspiel. Vernaschten die Löwen im ersten Drittel noch die Roten Teufel und zogen auf 0:2 und 1:3 davon, so drehten die Wetterauer ihrerseits im letzten Abschnitt furios auf. Sie erzielten den 3:3 Ausgleich und hätten die Partie eigentlich in der regulären Spielzeit sogar noch entscheiden können. Doch leider kam es anders. Nach 2:34 in der Overtime erzielte Prohanka den Siegtreffer für die Mainstädter. Zugegeben, im ersten Augenblick schmerzte die Niederlage, doch alles in allem hatte das eingespieltere Team seinen kleinen Vorteil genutzt und das Ergebnis ging soweit in Ordnung. Die Nauheimer Fans hatten aber gesehen wozu ihre Mannschaft in der Lage war. Es war in der Tat „Bad Nauheim Hockey“ was hier geboten wurde. Klasse Checks, hohes Tempo und leidenschaftlicher Einsatz bis zur letzten Sekunde. Genau das, wollte man hier sehen! Dass Gentges und Carnevale sich in der Drittelpause und der Pressekonferenz auch noch ordentlich verbal in die Haare bekamen, war eine muntere Zugabe fürs Publikum und zeigte mit welcher Hingabe beide Trainer ihr Ziel verfolgten.

 
 

Die Folgezeit brachte genau das, was die Fachpresse vorausgesagt hatte: gähnende Liga-Langeweil. Kassel, Frankfurt und Bad Nauheim setzten sich ab; nur Duisburg konnte einigermaßen folgen. Doch wenn es gegen die „großen Drei“ ging, mussten auch die Füchse den Schwanz einziehen. Wirkliches Eishockey wurde in den Hessenderbys und den beiden Pokalspielen geboten. Mit Dresden warfen die Teufel wie letztes Jahr sehr eindrucksvoll einen Zweitligisten aus dem Achtelfinale (2:1), sollten aber nach großem Fight im Viertelfinale am nächsten Zweitligisten Rosenheim scheitern (3:5). Sei’s drum; im Fokus der Vorrunde standen eh nur zwei Dinge: Einspielen für die wichtige Saisonphase im nächsten Jahr und möglichst die Prestige-Spiele gegen Kassel und Frankfurt gewinnen. Aber gerade letzteres gelang, zumindest vor heimischem Publikum, leider nicht. Auch das Heimspiel gegen Kassel verlief ähnlich wie gegen Frankfurt. Zwei Punkte gingen nach Penaltyschießen an die Fulda. Wieder hatte es vor großer Kulisse einen aufopferungsvollen Kampf gegeben und nach 60 bzw. 65 Minuten stand es 2:2. Im Penalty-Shooting hatten die Huskies dann das bessere Ende für sich. Das Glück wendete sich erst am Ratsweg in Frankfurt, als Mitte Dezember endlich auch ein Hessenderby erfolgreich gestaltet werden konnte.

 
 

Sportlich lief es wie erwartet gut. Es gab kein Spiel in dem Bad Nauheim nicht punktete, und das obwohl der Einsatz der Mannheimer Förderlizenzspieler fast komplett zurückgefahren wurde. Carnevale fand in einer Pressekonferenz klare Worte dafür, dass die FöLi-Spieler nur sporadisch zur Verfügung standen und keinerlei Planungssicherheit boten. Lieber setzte er auf hungrige Junioren als auf Spieler, die nicht zum Training erschienen und nur zum Team stießen, wenn es dem Kooperationspartner in den Kram passte. Bis auf Torhüter Niklas Deske verzichtete der Trainer fortan auf den Einsatz der Jungadler, obwohl der eine oder andere sehr gute Ansätze gezeigt hatte.
Alles hätte „jolly fine“ sein können - aber wie ist das mit dem Esel, dem es zu wohl geht? Genau, er bringt sich selbst in Schwierigkeiten! Am 25. November war es soweit: Ein Bumerang kam zurück, an den man gar nicht mehr gedacht hatte. Geschäftsführer Ortwein kündigte Knall auf Fall seinen Vertrag zum Jahresende und mit ihm nahmen Web-Master und Pressesprecher Christian Berger, Media-Fachmann Michael Ortwein, Fan-Radio-Macher Marcel Bohl und Marcus Dönges sowie Stadionzeitungsverantwortliche Marcel Simon und Matthias Humboldt ihren (imaginären) Hut. Was war passiert? Tja, so ganz genau kann das wohl keiner außer den unmittelbar Betroffenen sagen, und diese gaben die Tatsachen jeweils aus ihrer (subjektiven) Perspektive zum Besten. Von Andreas Ortwein hörte man, dass er den Weg des Alleingesellschafters nicht mehr mittragen könne. Wolfgang Kurz wolle zu viel im Alleingang machen, ihm mangele es an Teamfähigkeit und vor allem an Wertschätzung für ehrenamtliche Mitarbeiter. Seine Kündigung sei lediglich einem Rauswurf durch den Alleingesellschafter zuvorgekommen. Wolfgang Kurz hielt dagegen, dass er dem Geschäftsführer bereits im Frühjahr eine enge Zusammenarbeit als Doppelspitze angeboten habe, diese aber abgelehnt wurde. Außerdem wolle er, Kurz, gerne zusätzliche Berater mit ins Boot holen, die sich jedoch nicht aus Sponsoren, sondern aus neutralen Expertenkreisen für Finanzen, Steuern und Recht rekrutierten. Außer Christian Berger, der sich der Ortweinschen Position voll und ganz anschloss und vor allem den verlorengegangen Teamgeist der ersten GmbH-Stunde beklagte, gaben die anderen zurückgetretenen Personen keinen öffentlichen Kommentar. Im Forum war die Stimmung jedoch eindeutig pro Rücktrittsfraktion und Kurz wurde zum Buhmann, der alles tat um die Geschicke der GmbH, gewollt oder ungewollt, in den Sand zu setzen.
Au Backe! Da war er wieder der Unfriede, der auch 1998/99 zur ersten Amtsperiode von Carnevale die Meisterschaft gekostet hatte. Für Außenstehende kam er aus heiterem Himmel, obwohl die Zurückgetretenen davon sprachen, dass dies eine lange schwelende Krise gewesen sei. Der Stammverein kündigte im Fahrwasser der Ereignisse den Kooperationsvertrag mit der GmbH und ließ offen, wie man sich zur neuen Saison positionieren würde. Auch langjährige Sponsoren kündigten das Ende ihres Engagements an, sollte sich die Situation nicht wieder einrenken. Doch darauf wollte man besser nicht wetten, denn beide Seiten versteiften sich in ihrer Haltung. Kurz suchte neue Mitstreiter bzw. bat die verbliebenen zu noch größerem Einsatz. Klar war, dass die Querelen zunächst einmal die Fans am heftigsten trafen. Alles was man mit der Zeit liebgewonnen hatte und was fast selbstverständlich erschien - die topaktuelle Homepage, die Liveberichte von Auswärtspartien via Fan-Radio, die Videos von Heimspielen und Pressekonferenzen… alles war mit einem Schlag passé.
In der verbliebenen GmbH-Spitze tat man sein Bestes um nachzurüsten. Die Firma Lounge Moment übernahm die Pflege des Webauftritts – natürlich gegen entsprechende Leistungen. Marketingleiter Matthias Stüwe sprang zusätzlich als Pressesprecher und Teufelsnews-Chef ein, Wolfgang Kurz übernahm die Geschäftsführerposition und Jan Strasheim verfasste die Artikel der Home Page. Notlösungen?!? – Von Resultat her wohl weniger, aber sicherlich stressig für die Beteiligten. Doch was sollte man anderes machen als versuchen über die Runden zu kommen? Ach ja, über den eigenen Schatten hätte man springen können – und zwar auf beiden Seiten! Aber dazu war keiner bereit. Viele – und hier schließt sich der Chronist nicht aus – konnten nicht verstehen, warum sich erwachsene Menschen, die allesamt ihre tiefste Verbundenheit mit dem Nauheimer Eishockey postulierten, nicht im Sinne der Sache zu einem reinigenden Gespräch durchringen konnten. Nach der Saison wäre Zeit genug für Aufarbeitung gewesen. So blieb der fade Beigeschmack gekränkter Eitelkeiten – hier wie dort.
Und der Sport? Nun, obwohl sich Verteidiger Christian Franz just zu dieser Zeit aus privaten Gründen entschloss den Verein Richtung Bayernliga zu verlassen, litt die Leistung des Teams unter den Querelen gottlob nicht! Glücklicherweise hatte man kurz zuvor auch die Stelle des zweiten Kontingentspielers besetzten können. Verteidiger Martin Lee, vom US-College-Team Elmira gekommen, war mehr als nur Ersatz für Franz. Auch der schon erwähnte Derbysieg in Frankfurt fiel in diese unruhigen Wochen. Und der Trainer lief zu wahrer Hochform auf; neben seinen unbestrittenen Fähigkeiten als Erfolgstrainer stellte Frank Carnevale nun auch seine Entertainment-Qualitäten unter Beweis. Nach dem Ratingen-Spiel blieb Gästetrainer Wilczek der Pressekonferenz fern. Auf Bedauern des Neumoderators Matthias Stüwe übernahm Carnevale kurzerhand dessen Part, wechselte auf den verwaisten Platz und lobte das Nauheimer Team in höchsten Tönen. Aber auch „sein Ratinger“ Team befand er als ehrliche und hartarbeitende Truppe. Unter dem Gelächter der anwesenden VIPs und Pressevertreter wechselte er erneut die Seite und danke nun dem „auswärtigen Trainer“ für die seiner Meinung nach sehr zutreffende Bewertung. Es war eine sehenswerte Performance, die „der Zwerg“ (Gentges hatte ihn so tituliert, nachdem Carnevale ihn einen „Clown“ genannt hatte) an diesem Abend ablieferte. Kurz vor Weihnachten vernahm die Fangemeinde mit Freuden, dass dieser offenbar so geniale Trainer trotz turbulenter Wochen schon jetzt seinen Vertrag für ein weiteres Jahr verlängerte.
Zum Jahreswechsel endete die Vorrunde. Nicht wenige atmeten erleichtert auf, dass die sportlich unattraktivsten Gegner endlich unter Ihresgleichen bleiben sollten. Die als „Goldene Ananas“ verspottete West-Meisterschaft sicherten sich die Kassel Huskies; Bad Nauheim landete auf dem Bronzeplatz - punktgleich mit Frankfurt und nur einen Zähler hinter dem Meister. Wenn auch nur hauchdünn, so musste dennoch konstatiert werden, dass die Kurstädter mit nur einem einzigen Derby-Sieg aus vier Spielen in dieser Runde auch hessenintern auf Platz drei zurückgefallen waren. Frankfurt hatte im direkten Vergleich der hessischen Clubs die Nase vorn und wurde somit „Hessenmeister“. Doch auch Bad Nauheim sollte nicht ganz ohne Titel bleiben! Fan „Claire-Alexander“ entdeckte die Abschlusstabelle der Auswärtspartien unter www.eishockey.net, und hier holten die Roten Teufel vor Frankfurt und Kassel den „Oberliga-West-Auswärts-Meister“-Titel. Na, wenn das nichts ist!:-)

 
 

Doch mehr als dies beschäftigte die Fans etwas ganz anderes. Lanny Gare, vier Jahre lang so etwas wie Kopf und Herz der Roten Teufel, brach nach Weihnachten seine Zelte in der Lausitz ab und wechselte zurück nach Mittelhessen. Noch im Vorjahr hatte er vor laufender Kamera nach einem Wechsel zu den Löwen befragt, bekundetet: „Nee, nee, nee! Ich bin Nauheimer.“ Doch nun gab er den EC-Bemühungen ihn zu zurückzuholen brüsk einen Korb und wechselte doch tatsächlich ins Löwenlager. DAS schmerzte in diesen Tagen wirklich! Bad Nauheims Anstrengungen Verstärkung zu finden mussten andere Wege gehen. Ein Verteidiger und ein Stürmer standen auf der Wunschliste. Aber Wünsche sind nicht einfach zu erfüllen, zumal wenn man sie mit einem gewissen Qualitätsanspruch verknüpft sind. So startete Bad Nauheim erst einmal in altbewährter Besetzung in die Zwischenrunde und schlug sich in den ersten beiden Spielen sehr ordentlich.
Als Spitzenreiter durfte man am 3. Spieltag in der Frankfurter Eishalle antreten. Heftiger als über den Ausgang des Spiels wurde im Vorfeld über den Empfang des abtrünnigen Ex-Kapitäns spekuliert. „Lieber Geld“, wie man Lanny Gare’s Initialen inzwischen verspottete, wurde mit ohrenbetäubendem Pfeifkonzert der Nauheimer Schlachtenbummlern begrüßt. Einen Tag zuvor hatte er in der WZ Rede und Antwort gestanden und seinen Wechsel an den Main mit der besseren Perspektive sowie Ortweins Rücktritt begründet. Im Spiel blieb Gare blass, doch sorgte seine Person auf andere Art und Weise noch für großes Aufsehen.

 
 

Stadionsprecher Rüdiger Storch disqualifizierte sich durch eine peinliche Einlage, als er sich vor dem Match heulend auf dem Eis wälzte und die Bad Nauheimer Gäste als jammernde Trauergemeinde wegen des geplatzten Gare-Transfers verhohnepipelte. Nicht das erste Mal, dass der Frankfurter die geforderte Neutralität eines Stadionsprechers verletzte und so wurde sein unsportliches Verhalten mit einem Zusatzbericht zum Thema für den zuständigen Sportausschuss. Die Begegnung ähnelte in ihren Verlauf denen der Vorrunde: zwei gleichwertige Teams schenken sich nichts, kämpften auf Augenhöhe und lieferten sich ein hochklassisches Match. Erstmals jedoch in dieser Saison verließen die Roten Teufel bereits nach 60 Minuten das Eis ohne Punktgewinn (4:2, ENG).
Abseits der Eisfläche diskutierte man weiter über potentielle Neuzugänge. Carnevale sprach von gleich mehreren Spielern, ohne jedoch konkrete Namen zu nennen. Und sie kamen wirklich: Daniel Huhn, Aaron Reckers und Josiah Anderson. Huhn, „The Chicken-Man“, kannten die Fans aus der Vorsaison als Torgarant bei den Duisburger Füchsen. Nun kam er aus der Bayernliga. Anderson wurde von einer Kanadischen Bohrinsel geholt, wo der Deutsch-Kanadier eine Eishockeyauszeit nahm. Und Reckers wechselte aus Dresden, inzwischen schon fast so etwas wie das Lieblingsreservoir aus dem sich die Roten Teufel bedienten. Doch kaum waren diese guten Nachrichten bekannt, reihte sich auch schon eine schlechte mit ein: Martin Lee ging zurück in die USA. Das Ende des NHL-Lock Out forderte auch überraschend vom EC Bad Nauheim seinen Tribut! Überraschend, weil bis dato nie die Rede davon gewesen war, dass Lee nur als Übergangslösung bei den Teufeln spielte. Auch ging er nicht zu seinem Ex-Club Elmira College zurück, sondern schloss sich den San Francisco Bulls an…
Nun, damit musste man leben und tat es auch. Bad Nauheim etablierte sich wie schon in der Vorrunde auf Platz drei der Tabelle; wiederum hinter den beiden hessischen Kontrahenten, allerdings betrug der Rückstand auf Kassel und Frankfurt am Ende nicht mehr 1 respektive 0 sondern 13 und 11 Punkte. Das Rückspiel gegen die Löwen gewann das Carnevale Team zuhause zwar mit 7:6 im Shoot-out, aber über den Rest der Hessenderbys sollte man aus Nauheimer Sicht den Mantel des Schweigens hüllen. Entschuldigte man die schmerzliche 5:1-Niederlage in Kassel noch mit einem angeschlagenen Thomas Owner – er musste während des Spiels mit Schwindelanfällen seinen Platz räumen – so blieb die 1:8-Klatsche zuhause einfach ohne Worte. Obwohl die Teufel sich noch einmal mit einem Kontingentspieler, Verteidiger Brad Miller war von den Gwinnet Gladiators gekommen, verstärkt hatten, brachen an diesem rabenschwarzen Fastnachtsonntag alle Dämme. Am Nachmittag hatten bereits einige Fans im Fernsehen mit ansehen müssen, wie die deutschen Kufencracks die Olympia-Qualifikation gegen die „Ösis“ in den Sand setzten, der Abend aber wurde aus Nauheimer Sicht noch um ein Vielfaches heftiger. 0:2 bereits nach 80(!) Sekunden. Zwar versuchten die Rot-Weißen im ersten Drittel noch den Umschwung und hätten chancenmäßig dies auch durchaus verdient gehabt, doch als im 2. Drittel erneut die ersten Minuten völlig verpennt wurden und es nach 23 Minuten bereits 0:4 stand, ergaben sie sich in eine nie und nimmer für möglich gehaltene Demütigung.
Frank Carnevale hatte immer davon gesprochen, dass die Mannschaft sich von Spiel zu Spiel verbessern wolle, um genau zu den Playoffs den Leistungszenit zu erreichen. Doch davon spürte man weder an diesem Tag noch am letzten Zwischenrundenwochenende das Geringste. Selbst die Spiele gegen Hamm und in Krefeld wurden zu müden Veranstaltungen. Jeweils erst im Penaltyschießen konnte der Aufstiegsmitbewerber gegen die „Nobodies“ einen 2:1- bzw. 5:4-Sieg klar machen. Nichts was die Teufel-Fans auch nur annähernd zufrieden stellen konnte. Einziger Trost: Auch Frankfurt hatte gegen Kassel verloren und somit war klar, dass in der Quali-Runde die Löwen wieder Gegner der Kurstädter sein würden. Carnevale sprach in der Pressekonferenz nach dem Hamm-Spiel davon, dass seine Mannschaft angesichts der fixen Platzierung nicht mehr zu motivieren sei und bescheinigte seinen Spielern „brain dead“ zu sein. Nun ja, da hatte er augenscheinlich völlig recht. Aber hatte man ihn nicht gerade wegen seiner Motivationskünste als Trainer verpflichtet?
Noch „hirntoter“ als das EC-Team präsentierten sich in diesen Tagen aber die Funktionäre der Eishockeyligen, und zwar die der Oberliga gleichermaßen wie die der 2. Liga. Am letzten Wochenende vor Beginn der Playoff Qualifikation verkündete Markus Schweer, Ligenleiter der Oberliga West, dass der Landesverband NRW in dieser Saison keinem seiner Clubs eine Aufstiegserlaubnis erteilen würde; selbst bei einer sportlichen Qualifikation nicht! Wie Bitte? Geht’s denn noch? Wofür haben wir Zuschauer uns denn dann die ganzen Gurkenspiele angetan? Hintergrund war ein Alleingang des ESBG-Geschäftsführers, Alexander Jäger. Er hatte im November 2012 beschlossen die Ligenstärke der 2. Liga von 13 auf 14 Teilnehmer zu erweitern. Anstelle eines direkten Absteigers aus der Bundesliga sollte es ein Relegationsspiel gegen Oberliga-Vizemeister geben. So sollte der Playoff-Gewinner aufsteigen, ohne dass zwangsläufig ein Zweitligist absteigen müsse. Lukrativ für starke Oberligisten und schwächelnde Zweitligisten zugleich! Das Problem dabei: Ein Relegationspiel war im Kooperationsvertrag zwischen Landesverbänden und ESBG nie vorgesehen und Jäger, der seine Gedankengänge erst im Spätherbst konkretisierte, hatte bis zum Zeitpunkt der Quali-Runde noch mit keinem Landesverband darüber gesprochen. In der 2. Liga hingegen wurde die Relegation bereits als Tatsache verkauft und Jäger kündigte schon einmal den alten Kooperationsvertrag zum 30. April 2013.

 
 

Herr Schweer, dessen LV-Einnahmen prozentual von den Besucherzahlen der Oberligaspiele abhing, fürchtete Vereine wie Kassel, Frankfurt oder auch Bad Nauheim, die mit ihrem überproportionalen Zuschauerschnitt natürlich den größten Teil den LV-Einnahmen bestritten, durch die Hintertür zu verlieren. So argumentierte nun Schweer, dass durch die vorzeitige Kündigung des Vertrages auch das Aufstiegsrecht verwirkt sei. Verrückt!? Und wie!!! Die Funktionäre der anderen Landesverbände solidarisierten sich gar mit Schweer und sprachen davon, ebenfalls keinen Aufsteiger zulassen zu wollen. In Halle wurde schon verkündet, dass selbst die Quali-Runde nicht mehr stattfände. Wie hatte Carnevale (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) gesagt: „Im Moment sind einige ziemlich hirntot!“ Wie wahr, wie wahr!
Heftige Diskussionen brachen vom Zaun. Kassel, Frankfurt und Bad Nauheim wollten natürlich das Aufstiegsrecht, denn genau das war ja für alle drei Clubs das erklärte Saisonziel. Da der Vertrag laut Kündigung erst zum 30. April auslaufen sollte, zu diesem Zeitpunkt gemäß Playoff-Planung aber der Meister feststehen würde, wollten einige keine rechtliche Grundlage für einen Aufstiegsverweigerung sehen. Frankfurt kündigte schon mal einen heißen Sommer vor Gericht an, sollte einem sportlichen Aufsteiger Frankfurter Löwen, dieses Recht verwehrt werden. Wie gesagt – es war eine absolut verrückte Diskussion, die da durch die Funktionäre auf dem Rücken der Clubs, Spieler und Fans ausgetragen wurde.
Ungeachtet dessen ging es am 22. Februar in die Endrunde zur Playoff-Qualifizierung. Für die Gruppe A hatten sich Kassel, Duisburg, Timmendorf und Leipzig qualifiziert. Bad Nauheim spielte mit Frankfurt, Halle und Rostock in Gruppe B. Bevor es zum ersten Bully kam, gab es noch eine faustdicke Überraschung: Frank Gentges trat als Löwen-Trainer zurück! Morgens hatte die Bildzeitung über seine Entlassung berichtet, mittags kam das Dementi aus Frankfurt und nachmittags gab Gentges dann seinen freiwilligen Rücktritt bekannt. Fakt jedoch war, dass die Mannschaft ihm ob seiner harten Trainingsmethoden das Vertrauen entzogen hatte.

 
 

Schade – aus Nauheimer Sicht, denn so gab es ein „Feindbild“ weniger und die stets spritzigen Wortgefechte zwischen Frank Zwerg und Frank Clown gehörten mit einem Schlag der Vergangenheit an. Sportlich änderte diese Tatsache aber nichts an der Leistungsstärke des Nachbarn. Mit 16:0 angelten die Katzen am ersten Endrunden-Spieltag die Piranhas aus deren Rostocker Aquarium. Kassel schlug Leipzig ebenfalls zweistellig (10:0) und auch Duisburg blieb beim 6:0 ohne Timmendorfer Gegentor. Die Roten Teufel vervollständigten den Triumph der Westliga über den Nordosten. Mit 4:1 fuhren sie einen wichtigen Auswärtssieg in Halle ein und zeigten sich dabei erstaunlich souverän.
Doch schon am zweiten Spieltag gab es Überraschungen. Duisburg verlor in Leipzig mit 5:4 und Frankfurt musste bis ins Penaltyschießen gegen Halle bevor der 4:3-Sieg sichergestellt wurde. Da Bad Nauheim parallel Rostock mit 9:1 deklassierte, rückten die Roten Teufel auf Rang eins der Gruppe B vor. Kassel, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, schoss Timmendorf am Ostseestrand mit 1:14 ab und stand unangefochten auf Platz eins der Gruppe A. Im Verlaufe der Woche kamen wieder Neuigkeiten aus der 2. Liga: Hier hatten die Hannover Indians Insolvenz angemeldet und standen somit bereits als Absteiger fest. Also würde es keine Playdowns und auch kein Relegationsspiel geben, das war nun klar. Ob damit aber auch wieder der Weg für einen oder gar zwei Oberligisten in die 2. Liga frei war, stand weiter in den Sternen. In Bad Nauheim machte man sich darüber keine Gedanken; erst mal die Quali erfolgreich abschließen. Spieltag 3 und 4 sollten hier schon die Entscheidung für die Teufel bringen. Nach dem 5:0 zuhause gegen Halle und dem 7:1-Erfolg in Rostock war die Playoff-Teilnahme bereits in trockenen Tüchern. Eigentlich hatten alle vermutet, dass Gruppe A die leichtere Staffel sei, doch hier gab es auch am 3. Spieltag mit der Husky-Heimniederlage gegen Duisburg eine dicke Überraschung. Nach Zweidrittel der Quali stand in Gruppe A noch gar nichts fest (Kassel 9, Leipzig 8, Duisburg 6 Punkte); in Gruppe B hingegen mit Bad Nauheim (12) und Frankfurt (11) zumindest die Playoff-Teilnehmer – nur wer auf welchem Platz der Setzliste landen würde war noch offen.
Das nächste Wochenende mit Hin- und Rückspiel der beiden Hessenclubs musste diese Entscheidung bringen. Voller Vorfreude und mit einem guten Gefühl machten sich gut 1000 EC-Fans auf in die „Löwensauna“, wo sie von einer orangefarbenen Wurstpelle empfangen wurden. Schon wieder hatte sich der Stadion-sprecher der Lächerlichkeit preisgegeben und in einen hautengen Body gezwängt. Seine Kommentare, die vielleicht in Frankfurter Ohren witzig klangen, bei den Anhängern der Roten Teufel aber als blanker Spott verstanden wurde, begleiteten ein absolut deprimierendes Spiel, das für Bad Nauheim mit einem 0:4-Schock endete. Dieser Tiefschlag saß! Die Mannschaft hatte wirklich einen miserablen Tag erwischt. Würde sich das Blatt zwei Tage später nochmals wenden lassen? Ja, das tat es – und zwar grandios! Was sich am Sonntagabend im CKS abspielte war unbeschreiblich. Es war wohl das nervenaufreibendste Spiel seit... seit… ja seit wann? In dem proppenvollen Stadion sah man „Bad Nauheim Hockey“ pur. Jeder, der die beiden Spiele gesehen hat, wird wohl zustimmen und sagen „Da brat mir einer den Storch!“ (…und zwar den im orangefarbenen Ganzkörperkondom!). Der 2:1-Sieg ging jedem Teufel-Fan runter wie Öl. Dieses Spiel alleine entschädigte für so manche müde Partie der Vorrunde und euphorisierte geradezu für die Playoffs.

 
 

Nach dem Spiel hieß es erst einmal durchatmen und sich auf die kommende Aufgabe konzentrieren. Die letzten Jahre hatten wir immer das zweifelhafte Vergnügen gegen den kommenden Oberliga-Meister ausscheiden zu dürfen. Inwiefern dies in diesem Jahr vermieden werden könne, stand zu Beginn des Viertelfinales natürlich noch nicht fest. Jedenfalls galt es in der ersten Runde den EHC Klostersee aus dem Rennen zu werfen. Nun, dies gelang auch mit einem klaren 3:0-Sweep, obwohl die jeweiligen Spiele doch sehr hart umkämpft waren. Spiel eins ging im CKS noch relative unspektakulär über die Bühne, obwohl es sich dort bereits abzeichnete welche Qualitäten in dem Bayernteam steckten. In der Spielanlage sehr ähnlich dem Nauheimer System, zeigte auch Klostersee ein schnelles Spiel mit harten aber fairen Tacklings. Allerdings schien Nauheim dabei eine Spur effektiver zu agieren. Hatte Klostersee nicht wenige Spielphasen in denen sie sich mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar leicht überlegen zeigten, so konnten die Roten Teufel immer erfolgreich dagegen halten. Zudem hatten die Hessen auch das nötiger Quäntchen Glück auf ihrer Seite; Glück jedoch, welches man sich durch Fleiß und harte Arbeit erarbeitete. Sowohl der Sieg nach Penaltyschießen in Grafing als auch der Sudden Death im dritten, entscheidenden Match zuhause fielen unter diese Kategorie. Auch wenn die sympathische Mannschaft aus der Münchner Nachbarschaft ein weiteres Heimspiel durchaus verdient gehabt hätte, so war man im Nauheimer Lager dennoch heilfroh das Viertelfinale ohne Verletzungen oder große Strafen in drei Spielen hinter sich gebracht zu haben.

 
 

Die Antwort auf die Frage nach dem Halbfinalgegner, ließ noch ein Wochenende auf sich warten. Selb ohne, oder Frankfurt mit Heimvorteil? Wunschgegner der meisten EC-Fans war Selb, Heimvorteil hin oder her! Eishockey ist kein Wunschkonzert; doch zumindest hier bekamen die Teufelfans ihren Willen. Selb bog überraschend mit zwei Siegen in Folge die Serie gegen Duisburg noch um und zog als einziger Südclub in das Halbfinale. Frank Carnevale hatte wohl auch nicht damit gerechnet, denn in der letzten Pressekonferenz ging er noch eindeutig von einem Hessenderby aus und verzichtete sogar auf einen Besuch der letzten beide Spiele Wölfe gegen Füchse. „Wir kennen Frankfurt zur Genüge, warum also diese Spiele besuchen?“ hatte er noch geflachst.
Am Gründonnerstag traten somit die Roten Teufel hoffnungsfroh in Selb zum ersten Semifinalspiel an… und mussten eine enttäuschende 3:1-Niederlage quittieren. Viele der über 200 mitgereisten Fans schrieben im Forum von einem „blutlosen Auftritt“. Nun ja, es war das erste Spiel, also war noch lange nichts verloren. Doch am gleichen Tag waren Gerüchte gestreut worden, dass Kapitän Chris Stanley bereits einen Vertrag für die kommende Saison bei den Frankfurter Löwen unterschrieben habe… War der Grund für die Niederlage also ganz woanders zu suchen? Das konnte schon sein, denn das Management des EC war inzwischen komplett handlungsunfähig. Nachdem man zum Ende der Qualifikationsrunde noch in einem gemeinsam vorgetragenen Statement bekundet hatte, dass konstruktive Gespräche zwischen dem Stammverein und Wolfgang Kurz stattgefunden hätten, man aber bis zum Ende der Saison keine Ergebnisse veröffentlichen wolle um sich voll und ganz auf den Sport zu konzentrieren, so war wenige Tage vor dem Halbfinalbeginn durch die Presse gesickert, dass die alte GmbH mit Wolfgang Kurz definitiv keine Zukunft mehr habe. Somit konnte die alte GmbH mit dem spielenden Personal keine Verträge mehr abschließen und die neue GmbH existierte noch nicht. Spieler wie Trainer hingen also, was ihre Zukunft betraf, völlig in der Luft. Selbst Carnevale hatte ja nur einen Vertrag mit der Kurzschen GmbH. Ob die neue Gesellschaft diesen übernehmen würde war ebenso offen wie die Frage, ob der Trainer selbst überhaupt erpicht war angesichts der Querelen noch einmal zu verlängern. Carnevale hatte schon von der Oberliga als einer „Busch-Liga“ gesprochen, die man sich nicht antun müsse. Genauso war noch unklar, ob die neue Führungsmannschaft überhaupt Ambitionen für die zweite Liga zeigte. Auch hier hatte man bereits Stimmen gehört, dass Bad Nauheim noch nicht reif sei für die 2. Liga und noch zwei bis drei Jahre benötige. Gründe gab es also genügend, warum der Mannschaft die Meisterschaft und der Aufstieg etwas aus dem Fokus geraten sein konnte…
Aber traute man diesem Team so etwas überhaupt zu? Sollte ein Mann wie Frank Carnevale sich wirklich von solchen Ränkespielen seine Motivation nehmen lassen? Unvorstellbar!!! Deshalb kamen am Karsamstag auch über 3500 Zuschauer zum Rückspiel ins CKS und wollten den Ausgleich in der Serie persönlich miterleben. Zunächst aber durften sie die Meisterschaftsehrung der Junioren miterleben. Diese hatten erstmalig in der EC-Geschichte den Deutschen Meistertitel in ihrer Klasse nach Bad Nauheim geholt; ein Erfolg, den die Senioren nur allzu gerne auch in der Oberliga umsetzten wollten. Und genau so legten sie auch los; es wurde ein Klassespiel! Auf beiden Seiten ging die Post ab. Leider gab es wieder das altbekannte Problem eines überforderten Schiedsrichtergespanns. Nauheim hatte darunter mehr zu leiden als Selb, denn gleich zwei Spieler wurden mit großen Strafen belegt, die man auch anders hätte auslegen können. Strauch erhielt sogar eine Matchstrafe, während Anderson „nur“ eine Spieldauerstrafe einfuhr. Kein Wunder, dass die Fans nach der klaren 4:0-Führung „Du kannst pfeifen, pfeifen was du willst…“ sangen. Mit 5:0 glich der EC die Serie aus und durfte so am Ostermontag vom Ergebnis her etwas entspannter, von der Personaldecke her jedoch arg gebeutelt (Tim May holte sich eine Knieverletzung und musste auf unbestimmte Zeit pausieren) nach Selb reisen.
Dort passierte, was unter Frank Carnevale schon vor 14 Jahren mehrfach geschehen war: Mit kleinem Team wurde Großes geleistet! Das erste Drittel reichte aus, um per Doppelschlag innerhalb von 49 Sekunden das Spiel mit 2:0 für die Teufel zu entscheiden. Selb erholte sich in diesem Spiel nicht mehr von dem Nackenschlag und selbst der Kommentator des Selber Internet-Radios lobte die Cleverness mit der die Kurstädter dieses Match sicher nach Hause fuhren. Brisanz war inzwischen mehr als genug in der Partie, nachdem Carnevale wieder mal einen seiner provokanten Sprüche herausgehauen hatte. Auf die Frage, wie es dem von Patrick Strauch gecheckten Spieler denn ginge, hatte der Selber Trainer ausweichend geantwortet und gemeint man müsse abwarten. Carnevale daraufhin trocken: „Oh, I thought he is dead!“ (Oh, ich glaubte er sei tot!). Dies wurde ihm auf bayerischer Seite sehr übel genommen und in Oberfranken regnete es Feuerzeuge und anderer Wurfgeschosse auf ihn herab. Nun ja, es war das übliche Playoff-Geplänkel und Carnevale ist auch darin ein Meister seines Fachs. Der Sieg in Selb war das 2:1 nach Spielen in der Halbfinalserie. Ein einziger Sieg musste noch her um ins Finale einzuziehen und der sollte am darauffolgenden Freitag im CKs eingefahren werden.

 
 

Wiederum war die Halle im Kurpark pickepacke voll, auch wenn offiziell nicht das Ausverkauft-Schild am Kassenhäuschen hing. 4300 Zuschauer, darunter etwa 300 Wölfe-Fans, sahen einen furiosen Auftakt. Selb kam die ersten 5 Minuten nicht über die Mittelline hinaus und nur ihrem Torwart Suvelo war es zu verdanken, dass es anstatt 3:0 noch 0:0 stand. Man spürte förmlich wie heiß die Roten Teufel waren, den letzten Sieg hier und heute einzufahren. Aber wie schon so oft in den vergangen Jahren gab es in diesem wichtigen Spiel einen verheerenden Bruch. Dieser geschah in der 7. Minute in Form des 0:1 durch Ex-Teufel Sebastian Lehman. Nur zwei Minuten später legte „Piwo“ (ausgerechnet wieder ein Ex-Nauheimer) ein zweites Ei ins Nest. Verkehrte Welt! Auch Nauheims Anschlusstreffer beruhigte nicht mehr die Nerven und so nahm das Spiel einen für die Wetterauer Fans niederschmetternden Verlauf. Zum Ende des zweiten Drittels war es bereits entschieden, denn Selb war mit 2:5 davongezogen. Wirklich bedenklich dabei war wie sich die erste Reihe präsentierte.

 
 

Chris Stanley und Eddy Rinke blieben meilenweit unter Normalform und gerade der Kapitän ließ mit seiner überheblich wirkenden Spielweise bei den Fans die Hälse schwellen. Nach seiner Verpflichtung hatten einige Bremerhavener Fans im Forum Negatives über ihn gepostet; dass er Lustlosigkeit und Desinteresse angesichts keinerlei Zukunftsperspektive in Bremerhaven an den Tag gelegt habe. Einige Nauheimer Fans befürchteten, dass genau dieses sich nun hier in der Kurstadt wiederholen könne. Stanley, so hatte die WZ verlauten lassen, hatte in der Tat schon einen Vertrag bei den Löwen Frankfurt in der Tasche…
Nun, eine allerletzte Chance bekamen Carnevales Jungs noch einmal am Sonntag in Selb. Spiel fünf musste die Entscheidung bringen. Rehabilitation oder Saisonende? Was würde passieren? Die Meinungen der Fans gingen stark auseinander. Zwar machten sich 300 Nauheimer auf den Weg an die tschechische Grenze, aber ganz fest an den finalen Sieg glaubten sicherlich nicht alle. Wie zur Bestätigung kam das Team auch gleich zweimal ins Hintertreffen (0:1 und 1:2 nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Miller). So schienen die Wölfe ihr Opfer frühzeitig gefunden zu haben. Im EC-Forum wurden schon die ersten Schmähsprüche gestreut, dass man immer alles vergeige wenn es darauf ankäme… Doch diese Unkenrufe kamen zu früh. Im letzten Drittel fiel der Ausgleich und kurz darauf sogar der Führungstreffer. Plötzlich bebte nicht nur das Stadion in Selb, sondern überall in der Wetterau bangten die Fans vor den Livetickern und Internetradios um ihr Team. 57 Sekunden vor Ende nahm Nauheim eine taktische Auszeit und kurz nach Wiederbeginn vermeldete der Oberliga West Ticker: „TOOOOOOOR“... Doch welches Team erfolgreich war, versackte auf den überlasteten Datenautobahnen des Internets – der Ticker war sang- und klanglos abgestürzt! Urrrrg!!! Mit zittrigen Fingern wurde nach anderen Live-Tickern gehackt… und nach endlos langen Sekunden brachte der Pointstreak-Tickers die Lösung: Jubel peitschte durch das Butzbacher Bürgerhaus, wo der Chronist zu einer Geburtstagsfeier geladen war. Jaaaaaaa, Daniel Oppolzer hatte das entscheidende Empty Net Goal erzielt: FI-NA-LE, o-ho! (Erst jetzt schmeckte das leckere Essen wirklich!)
Nicht zu glauben!!! Wir standen endlich wieder einmal in einem Endspiel! Und das bei so einer bärenstarken Konkurrenz. Mehr als diesen Finaleinzug konnte man als Saisonziel einfach nicht erwarten. Über Aufstieg oder Oberligaverbleib würde sowieso erst im Sommer am grünen Tisch entschieden, wenn sich ESBG, DEB und Landesverbände endlich zusammenraufen könnten. Die Endspielteilnahme bildete schon mal eine hervorragende Voraussetzung für erfolgversprechende Aufstiegsträume, denn die ESBG hatte bereits beide Finalisten als sportliche Aufsteiger ausgerufen. Dem widersprachen aber heftigst DEB und Landesverbände. Unisono drohten diese einem „illegalen Quereinsteiger“ drastische Maßnahmen an. 50.000€ Strafe, Ausschluss der Nachwuchsmannschaften vom Liga-Spielbetrieb und Neuanfang in der untersten Klasse für die erste Mannschaft, falls sie dereinst wieder aus der 2. Liga absteigen sollte. Noch immer lehnten DEB und Landesverbände einen Aufsteiger mangels fehlenden Kooperationsvertrags kategorisch ab.
Ehrlich gesagt: Zu diesem Zeitpunkt kümmerte dieses Funktionärgesabbel die meisten Fans einen feuchten Dreck: Hey - wir waren im Finale! Gegen wen eigentlich? Kassel oder Frankfurt? Auch diese Frage beantwortete sich an jenem Sonntag wenige Minuten später: Die Nordhessen schaffte im 3. Heimspiel zum 3. Mal einen Last-Minute-Ausgleich gegen die Löwen und stürzten mit dem 3. Sudden Death den Geldadel vom Main aus allen Titel- (und Aufstiegs-?) träumen. Das musste in der Mainmetropole einfach für Neid sorgen. Und richtig; schon einen Tag später las man in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau einen Artikel über das „kleine Eishockey-Nest in der Wetterau“, dessen Trainer „Frank Carnevale fast vor Neugier platzte“. Und weiter spekulierte man darüber, dass Bad Nauheim gar nicht aufsteigen könne, weil schon wieder eine Insolvenz drohe… Nun ja, solche Zeilen sollte man einfach ignorieren und den Augenblick genießen. Die „Nauheimer Rübenbauern“ hatten dem reichen Nachbarn gezeigt wie man eine gute Ernte einfährt! Aber wie sollten das „geldgeile Banker und Broker“ auch wissen…?

 
 

Auf ging‘s zur letzten Serie! Am 12. April fiel der Startschuss zum Finale 2013. Mit Bussen und Privatfahrzeugen zog ein Treck von hunderten EC-Fans gen Norden. Doch mussten die Zuschauer viel Geduld aufbringen bis das Match endlich angepfiffen werden konnte. Der Nauheimer Bus steckte aufgrund eines Unfalls bei Alsfeld in einer Vollsperrung der Autobahn und kam erst um kurz vor 20:00 Uhr in den Kasseler Fuldaauen an. 6100 Zuschauer im Stadion und über 8000 vor dem Livestream am PC wurden Zeuge eines fantastischen Spiels der Roten Teufel. Den Staustrapazen zum Trotz legten die Rot-Weißen eines ihrer besten Spiele seit dem Zweitligaausstiegen 2004 aufs glatte Eisparkett. Mit 2:0 und 3:1 führte Nauheim und selbst der 3:3-Ausgleich wurde mit einem weiteren Führungstreffer zum 4:3 beantwortet. Nur noch wenige Minuten bis zum großen Ziel: einem Auswärtssieg in Kassel. Die Kurstädter aber hätten dreifach gewarnt sein müssen! Kassel hatte gegen Frankfurt immer unmittelbar vor Spielende zurückgelegen, dennoch den Ausgleich erzielt und in der Overtime den Todesstoß gesetzt. Und genauso lief es auch diesmal. Dieses Massel-Kassel nahm erneut Fortunas Geschenk dankend an, glich in der 59. Minute durch Sikora aus und durfte nach fünf Minuten der Verlängerung den 5:4-Siegtreffen bejubeln. Bad Nauheim hatte Sekunden zuvor das „Golden Goal“ auf dem Schläger gehabt, Miller aber verzog. Der Gegenzug brachte die Entscheidung. Natürlich war dies bitter, aber das hervorragende Spiel schenkte auch einen gute Portion Selbstvertrauen.
So war das CKS beim Folgespiel wieder ausverkauft. Das fünfte Mal in dieser Saison kamen über 4000 Zuschauer – wann hatte es das zuletzt gegeben!

 
 

Bei strahlendem Frühlingswetter zog sich die Schlange vor den Drehkreuzen bis zur Baustelle am Teichhaus. 4300 Zuschauer kamen offiziell; gefühlt waren es aber gut und gern 500 mehr, denn auf den Stehrängen es gab schon eine Stunde vor Spielbeginn fast kein Durchkommen mehr zu meinem Stammplatz.
Einfach nur Hammer, diese Atmosphäre! Bis in die Haarwurzeln spürte man das Kribbeln vor dem ersten Finalheimspiel. Eine klasse Choreographie hatten sich die Fanclubs einfallen lassen, bei der auch diesmal die Sitzplätze mit einbezogen wurden. Alle gaben dem Team ihre Unterstützung und dieses danke es mit der wohl besten (Heim-)Saisonleistung seit Jahren. Nach sechs vergeblichen Anläufen gelang an diesem Abend der erste Sieg gegen die Nordhessen. Und der ging auch in der Höhe mit 4:1 völlig in Ordnung. Die Dominanz der Rot-Weißen war so augenscheinlich, dass es nur eine Folgerung geben konnte: Kommenden Dienstag sollten die Kassel Huskies auch in ihrem eigenen Stadion dran glauben müssen. In der anschließenden Pressekonferenz meinte der Trainer lapidar: „Wir spielen nun unser bestes Hockey. Und ich verspreche euch eins: Wir werden diese Woche noch besser!“ Der „Break“ in dieser Serie war also nach der unglücklichen Niederlage am Freitag und der Klasseleistung zuhause mehr als überfällig.
Welche Euphorie dieser Sieg in Bad Nauheim und Umgebung ausgelöst hatte, zeigte sich schon am Tag danach. Um 12:00 Uhr öffnete der Kartenvorverkauf im Stadion-Bistro und um 14:00 Uhr sollte die Geschäftsstelle aufmachen. Wer vor 12:00 Uhr am Stadion war, traute seinen Augen kaum: Die Schlange der Kartenkäufer reichte vom Eingang der Geschäftsstelle den Teich entlang bis hinauf zum Parkplatz. Es war der blanke Wahnsinn! Um 16:45 Uhr gab es bereits in allen Vorverkaufsstellen keine und im Stadion selbst nur noch Resttickets. Innerhalb eines Nachmittags waren alle 4500 (pardon – offiziell sind es ja nur 4300) Karten vergriffen. Sehr, sehr viele der treuesten Fans hatten das Nachsehen, denn nicht wenige „Playoff-Gesichter“ hatten ihnen die Karten vor der Nase weggeschnappt. Eigentlich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, aber wie hätte man den Run gerecht steuern können? Jeder, der am frühen Abend noch ein Ticket ergattern konnte, hatte so etwas wie einen Fünfer im Lotto (und der Chronist zählte - Gott sei Dank - zu ihnen!!! In allen den Jahren seit dem Bundesligaaufstieg 1967 hatte ich dies noch nicht erlebt.)
Kurze Zwischenfrage: Was ist deprimierender als keine Karte für das 4. Finalspiel bekommen zu haben?? Ganz einfach: Die zweite Final-Niederlage in Kassel am darauffolgenden Dienstag! Und dass diese dann auch noch dem gleichen Strickmuster folgte, wie schon die vier vorausgegangen Kasseler Heimsiege (3 x Frankfurt, 1 x Bad Nauheim), boah…das war einfach frustrierend. Genau so, nämlich völlig gefrustet, fühlten sich die Fans am jenem Abend des 16. April, denn nach 65 Minuten stand wieder eine „Niederlage n.V.“ auf der Anzeigentafel. Erneut hatte Nauheim das Geschehen während des Spiels weitestgehend im Griff, führte 1:0 und 2:1 gegen die Massel Huskies und musste fünf Minuten vor Spielende den 2:2-Ausgleich hinnehmen. Viele Argumente zum Thema „verdient oder unverdient“ wurden anschließend im Forum ausgetauscht. Fakt blieb, dass die Roten Teufel durchaus in 60 Minuten den Sack hätten zu machen können, dass die beiden Gegentore sehr unglücklich fielen und dass sie aus individuellen Fehlern resultierten; Fakt blieb aber auch, dass Kassel gerade in diesen Playoffs eine sehr clevere Mannschaft mit ausgezeichnetem 4 gegen 4 Spiel stellte. Alles Nachkarren, Jammern oder Rechtfertigen nutze nichts. In Spiel 4 musste nun wieder ein Sieg her, sonst war die Saison beendet.
Gänsehautatmosphäre war inzwischen schon Standard im Kurpark. Aber irgendwie hatte man das Gefühl, dass die offiziell 4300 Zuschauer in den letzten Tagen alle stark zugenommen hatten… es war nämlich so was von eng auf den Stehrängen, dass Umfallen nicht mehr möglich war. Als dann vor den Spiel das ganze Stadion (außer dem Gästeblock) im Wunderkerzenglanz erstrahlte, erinnerte das verdammt an längst vergangene Bundesliga-Jahre des VfL. Nach der Nationalhymne und einer Gedenkminute für Ex-Teufel Mark Teevens, der vor 15 Jahren während der letzten Playoffs unter Frank Carnevale verstorben war, kläfften zunächst die Schlittenhunde. Nur gut 2 Minuten, waren vergangen, als beim ersten Schuss auf das Nauheimer Tor, der Puck über die Linie rutsche. Och – nöööö… Sollte es das schon gewesen sein? Im ersten Drittel sah es ganz danach aus. Erstmals in der Finalrunde waren die Nordhessen den Teufeln wirklich überlegen. Doch mit dem 2. Drittel änderte sich das Kräfteverhältnis. Innerhalb von fünf Minuten schossen zweimal Brad Miller und einmal Patrick Strauch den EC mit 3:1 in Front. Spätestens jetzt gab es kein Halten mehr unter den Fans. Auch der 3:2-Anschlusstreffer änderte nichts an der cleveren Spielweise der Teufel. Endlich zeigten sie auch im Überzahlspiel mal Klasse. Drei Treffer gingen auf das Konto der Special-Teams. Im letzten Drittel foppte gar Glücksgöttin Fortuna die Huskies. Nach dem 4:2 für Nauheim schenkte sie ihnen zwei Minuten vor Ende nochmals Hoffnung durch den Anschlusstreffer zum 4:3 und sorgte so für Nervenflattern auf den Rängen. Doch dann war es genug. Die Rot-Weißen schafften den Sieg und den Ausgleich in der Serie. Wie sagte Carnevale auf der Pressekonferenz grinsend wie ein Honigkuchenpferd: „Kassel spielte heute sein bestes Eishockey – aber wir haben sie dennoch geschlagen.“ Kassels Trainer Uli Egen hingegen hatte ein Bulldoggengesicht aufgesetzt und knurrte nur: „Ich bin stinksauer auf mein Team…“
Sonntag, 21. April 2013, 21:08 Uhr. Ein Zeitstempel für die Ewigkeit geht in die Nauheimer Eishockeygeschichte ein! Brad Miller schießt Nauheim zur Meisterschaft. Das Showdown in Kassel begann um 18:34 Uhr und neben den obligatorischen 6100 Zuschauern im Stadion saßen zeitweise 21000 (!!!) vor dem Livestream. Dazu wohl an die 500 bis 600 Zuschauer im CKS, wo eine Riesenleinwand das Internet-Fernsehen live zeigte. Machen wir es kurz: Das Spiel war nicht das Beste der Saison, aber es hatte Dramatik und Spannung bis zum Nervenzerreisen. 0:1 durch ein dummes Unterzahltor im 1. Drittel. Der Ausgleich durch Tim May kam zur rechten Zeit und wer sollte es dem Youngster, der sich in dieser Saison so prächtig entwickelte, nicht gönnen. Drittel 2 endetet ebenfalls 1:1; diesmal legten Josiah Anderson für die Teufel mit einem sehenswerten Knaller vor. Der Ausgleich durch Kassel war das letzte Tor bis zum regulären Ende. Der Wahnsinn nahm seinen Lauf in der Overtime. Erst musste Nauheim mit doppelter Unterzahl verteidigen, doch nach 9:02 Minuten der Verlängerung schlug Brad‘s Bombe ein. Der Rückhandschuss ging halbhoch links ins Netz… und löste in Bad Nauheim ein mittleres Erdbeben aus. Das ganze Stadion erzitterte unter einem Schrei aus 600 Kehlen. Wenn dieser Schrei nicht sogar bis nach Frankfurt zu vernehmen war, dürft ihr mich zukünftig „Rüdiger“ nennen!!! Auf mir, unter mir, neben mir, über mir - überall lagen Leute und pressten die Arme um alles, was ihnen zum Greifen nahe kam. NAUHEIM WAR MEISTER!!! Unfassbar, unglaublich, genial, fantastisch, geil, gigantisch…WIR waren Meister, hatten Frankfurt und Kassel hinter uns gelassen. Das war die späte Rache der Rübenbauern. Mann - tat das gut! Und wer hatte die Tore geschossen? Ein Nauheimer Bub, ein Ölbohrer von einer kanadischen Ölplattform und ein lange Zeit inaktiver „Notnagel“. Das Leben schreibt die absonderlichsten Geschichten…

 
 

Wer hätte das vor dem Finale erwartet? Wohl die aller wenigsten. Es war vom Kassler Sweep die Rede, vielleicht auch einem 3:1… Aber Nauheim das „kleine Eishockey-Nest in der Wetterau“ (wie die Frankfurter Rundschau geneidet hatte), hatte es allen gezeigt. Ein Wunder? Nein – kein Wunder! Dieses Wunder hat einen Namen und der heißt Frank Carnevale. Dieser Mann hatte seinen Spielern die Siegermentalität eingeimpft; er hat sein Wort gehalten: „Ich komme, um das letzte Spiel der Saison zu gewinnen. Wenn Bad Nauheim Erfolg haben will, dann spricht nichts gegen meine Verpflichtung.“ Recht hatte er!

 
 

Ihm (und dem Team) gebührt der Dank für diese überaus denkwürdige Saison; man sollte ihm mitten im Sprudelhof ein Denkmal setzten! Und wir alle dürfen behaupten: wir waren dabei!

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Der sportliche Teil der Saison ist somit Geschichte, was aber kommt nun? Der Aufstieg, obwohl offiziell noch immer nicht geregelt, sollte nun nur Formsache sein. Nach dieser grandiosen Leistung, kann einfach keiner daran vorbei. Der Sport müsste sich sonst neu definieren. Nach der zähen Vor- und Zwischenrunde hatte Bad Nauheim eine großartige Zeit. Dies schlug sich auch in tollen Besucherzahlen nieder. Über alle Spiele hinweg, von der Vorbereitung bis zu den Playoffs, konnte ein Zuschauerschnitt von 2300 Personen pro Spiel erzielt werden. Das ist für Nauheimer Verhältnisse fantastisch. Noch vor fünf Jahren hatten wir lediglich 988 Besucher als Saisonschnitt zu verzeichnen. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer kontinuierlichen Steigerung seit der Saison 2007/2008 an der viele in unterschiedlichster Form mitgewirkt haben. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die beiden nun leider im Unfrieden geschiedenen Parteien mit Wolfgang Kurz auf der einen und Andreas Ortwein auf der anderen Seite zu nennen; einschließlich ihrer Mitstreiter, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Im Interview zu unserem Eishockey-Buch „Höllenspaß und Höllenqual“ hatte Kurz als Ziel seines Engagements die Rückkehr in die zweite Liga genannt. Schön, dass ihm dieses Anliegen geglückt ist. Glückwunsch, Wolfgang! Für das Geleistete sollte allen, egal welcher Fraktion sie angehören, unser gebührender Dank gelten.
Vor kurzem wurde die neue GmbH-Führung namentlich bekannt gegeben, unter ihnen ist auch der erfolgreiche Ex-Geschäftsführer Andreas Ortwein. Somit ist wohl auch zu erwarten, dass die anderen zurückgetretenen Mitarbeiter ihre Arbeit wieder aufnehmen werden. Die neuen Gesellschafter kommen aus dem Sponsorenkreis, dem Stammverein und dem Teufelskreis. Die heftig geforderte breite Basis ist nun vorhanden. Sie werden ihre Arbeit offiziell am 1. Mai aufnehmen und haben gleich eine Fülle von Aufgaben zu be-wältigen. Nicht gerade wenig ist in den letzten Wochen einfach wegen der unklaren Situation liegen geblieben. Fra-gen gibt es genügend zu klären. Werden wir auch in der zweiten Liga wieder Hessen-Derbys zu sehen bekommen? Wie wird sich die wirtschaftliche Situation für die neue GmbH darstellen, da sie ja von den Einnahmen der alten GmbH nicht wirklich profitieren konnte? Neuanfang ist eben Neuanfang! Wie wird das Team der kommenden Saison aussehen und vor allem wer wird dieses trainieren?
Auch wenn die Schläger nun erst einmal für einige Monate in die Ecke gestellt werden, wird es sicherlich nicht still um die Roten Teufel werden. So wie wir den alten Machern gedankt haben, sollten wir auch den neuen Verantwortlichen ganz fest die Daumen drücken, dass ihnen zum Wohle des Nauheimer Eishockeys – also unser aller liebstes Hobby – und im Hinblick auf die große Herausforderung zweite Bundesliga eine gute und glückliche Hand beschieden ist. Dann bis zum Herbst… und in diesem Sommer klingt es wohl jedem Fan weiter in den Ohren: „Ein Leben lang – rot und weiß ein Leben lang…“

 
 

21. April 2013

 
 
 
 
 
 

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